Stauseemonster, Zulu-Schönheit und sexy Norah

Die drei Juroren der Litprom-Bestenliste Anita Djafari, Katharina Borchardt und Thomas Wörtche haben sich zusammengesetzt und drei Titel, die in der engeren Auswahl für den aktuellen Weltempfänger standen, diskutiert. Dabei waren sie nur manchmal einer Meinung. Lesen Sie das Gespräch, das in den LiteraturNachrichten 124 abgedruckt ist.

Weltempfänger Nr. 30

Die sieben Besten zum Frühjahr 2016

Auf Platz 1 steht mit dem Roman Die Reputation (Schöffling, Übers. Susanne Lange) erneut ein Titel von Juan Gabriel Vásquez aus Kolumbien, der sich mit seinem Werk endgültig als Autor von Weltklasse empfiehlt – er gehört zu den wichtigsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur.

Aus dem Iran kommen zwei höchst unterschiedliche Übersetzungen: Amir Hassan Cheheltan gibt mit Iranische Dämmerung (im Iran zum Teil zensierte) Einblicke in die jüngere Geschichte; Fariba Vafi befragt in Tarlan die Revolutionsgeneration aus Sicht der Frau.

Und zum ersten Mal werden gleich vier Autorinnen auf der Liste ausgezeichnet: Kettly Mars aus Haiti mit dem spannungsreichen Familientableau Ich bin am Leben; Malla Nunn mit dem Kriminalroman Tal des Schweigens, der in den 1950er Jahren in Südafrika spielt und Jeong Yu-jeong aus Korea mit dem düsteren und hochspannenden Thriller Sieben Jahre Nacht. Sie alle sind somit automatisch für den LiBeraturpreis 2017 nominiert.

Auch der israelische Großmeister David Grossman hat die Jury mit dem Roman Kommt ein Pferd in die Bar wieder überzeugt.

Weltempfänger Nr.30 zum Download

1. Juan Gabriel Vásquez. Die Reputation [Kolumbien]

Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange.
Schöffling, 192 Seiten
Die Übersetzung dieses Titels wurde unterstützt durch Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes.

Ein fieser Politiker soll ein Mädchen missbraucht haben. Ein mutiger Karikaturist nimmt ihn aufs Korn. Aber stimmt der Verdacht? Trügt die Beobachtung und erst recht die Erinnerung? Vásquez überlässt dem Leser das Urteil. Wie der Kolumbianer seine Figuren einkreist, ist fesselnd und phänomenal. (Ruthard Stäblein)

Juan Gabriel Vásquez ist mit “Die Reputation” ein beachtlicher Roman gelungen, ein Buch über die Vergangenheit, die einen einholt, und die Macht und Verantwortung von Karikatur und Meinung.
(Tobias Wenzel, Deutschlandradio Kultur)

2. Malla Nunn. Tal des Schweigens [Swasiland/ Australien]

Kriminalroman. Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski.
Ariadne, 317 Seiten

Südafrika, 1953. Ein Zulu-Mädchen ist ermordet worden. Nicht der Rede wert für die weiße Polizei, wenn nicht Detective Sergeant Emmanuel Cooper und Sergeant Shabalala sich des Falles annehmen würden und dabei die starre rassistische Ordnung in Drakenberge verstörten. Ein klassischer Kriminalroman mit viel Substanz, vielen Dimensionen und utopischer Poesie.
(Thomas Wörtche)

Behutsam, fein und klug: Nunn. (KrimiZEIT-Bestenliste)

3. Amir Hassan Cheheltan. Iranische Dämmerung [Iran]

Roman. Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich und Farsin Banki.
P. Kirchheim, 198 Seiten

Liebe oder Revolution? Auch der Student Iradsch stellte sich einst diese Frage. Ein faszinierender Roman über die Irrtümer der iranischen Linken, Heimatlosigkeit und ein modernes Teheran, wie es heute nicht mehr existiert. Erste vollständige Ausgabe, im Iran bei Erscheinen um angeblich allzu freizügige Passagen zensiert. (Andreas Fanizadeh)

4. Fariba Vafi. Tarlan [Iran]

Roman. Aus dem Farsi von Jutta Himmelreich.
Sujet, 229 Seiten
Die Übersetzung dieses Titels wurde unterstützt durch Litprom mit Mitteln des Auswärtigen Amtes.

Der Schah hat abgedankt, das Land ist im Umbruch. Auch die junge Tarlan sucht ihren Weg in den Umwälzungen. Eher aus Frust denn aus Lust wird sie Polizistin. Was wie eine Flucht nach vorne anmutet, entpuppt sich zwischen den Zeilen als eine hintergründige Befragung der Revolutionsgeneration und ihrer Rollenbilder aus Sicht der Frau. Ein leiser Roman, der es in sich hat. (Claudia Kramatschek)

Ein solches Panorama über die junge iranische Republik aus weiblicher Sicht ist der Autorin Fariba Vafi mit ihrem zweiten Roman gelungen.
(Behrang Samsami, literaturkritik.de)

5. Kettly Mars. Ich bin am Leben [Haiti]

Roman. Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte.
Litradukt, 128 Seiten

Das Erdbeben 2010 auf Haiti hat auch die Nervenklinik schwer beschädigt, wo der schizophrene Alexandre lange untergebracht war. Er kehrt zurück zu seiner Familie und löst bei Mutter, Geschwister und Hausangestellte ein intensives Überdenken des eingespielten Zusammenlebens aus. Ein Roman eindringlicher Monologe – ein spannungsvolles Familientableau. (Katharina Borchardt)

Die Vielstimmigkeit und die kaleidoskopische Collage sich überlagernder Handlungsstränge prägt wie bei nicht wenigen Autoren aus Haiti auch bei Kettly Mars das Erzählen. (Cornelius Wüllenkemper, Süddeutsche Zeitung)

6. David Grossman. Kommt ein Pferd in die Bar [Israel]

Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser, 256 Seiten

Ein Comedian redet über und um sein Leben, rastlos witzelnd, exhibitionistisch, traumatisiert. Im Publikum: ein Gefährte der Kindheit, erschüttert von der verzweifelt komischen Show, der Grausamkeit der Menschen, eigenem Versagen. Die Lebensbeichte, der Blick in die Hölle mit politischer wie psychologischer Klarsicht wird zum grandiosen Psychogramm einer Gesellschaft, die das Leid anderer „ausradiert“. (Cornelia Zetzsche)

Dieses Buch ist David Grossmans bislang riskantestes und innovativstes erzählerisches Abenteuer (…) Vom Comedy-Standpunkt gesehen ein schockierend verunglückter Abend, aus literarischer Sicht jedoch ein schockierend geglückter Roman. (Sigrid Löffler, Deutschlandradio Kultur)

7. Jeong Yu-jeong. Sieben Jahre Nacht [Korea]

Thriller. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Unionsverlag, 528 Seiten

Ein fiktives Dorf an einem Stausee wird überflutet, Hunderte Menschen sterben. Der Verursacher wird zum „Stauseemonster“, sein Sohn muss mit der Schande leben. Die Autorin entfaltet nach und nach eine hochspannende, raffiniert angelegte Kriminalgeschichte um das Warum. Dabei geht es auch um die innere Hölle eines Menschen, der einen tödlichen Fehler begeht und nicht mehr aus dem Alptraum erwacht. (Anita Djafari)

Mehr Sartre als Stephen King, findet Tobias Gohlis in seiner Krimikolumne in den LiteraturNachrichten Nr.124, Frühjahr 2016.

Jeong erzählt meisterhaft und voller Einsicht in seelische Verwirrungen. (KrimiZEIT-Bestenliste)


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Anita Djafari

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