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Litproms Lesetipps Winter 2016 - Termine & News - LITPROM

Verweigerung des Körperlichen

Han Kang[Korea]: Die Vegetarierin (aus dem Koranischen von Ki-Hyang Lee, Aufbau Verlag 2016)

Es sind viele Bücher, die uns bei unserer Arbeit im Laufe eines Jahres begeistern, berühren, manchmal amüsieren, hin und wieder aufwühlen und nachhaltig beeindrucken. In diesem Jahr hat die Koreanerin Han Kang mit ihrem so harmlos daher kommenden Titel Die Vegetarierin letzteres bei mir geschafft. Eine als äußerst durchschnittlich wahrgenommene (und nur dafür von ihrem Ehemann geschätzte) Frau rebelliert gegen die ihr zugedachte Rolle, indem sie sich nach einem Traum von heute auf morgen weigert, Fleisch zu essen. So weit so vermeintlich banal, aus unserer inzwischen von laktosefreien, glutenunverträglichen, veganen Extravaganzen geprägten Sicht. Aber die Entscheidung Yong-Hyes bedeutet weit mehr, nämlich eine Abkehr von allem Körperlichen: Sie möchte zur Pflanze, zu einem Baum werden. Das Unverständnis, das ihr von Ehemann, vom Vater und der ganzen Familie entgegenschlägt, ist brutal. Nur der Schwager, ein Künstler, fühlt sich von der Idee angezogen, bemalt ihren Körper als Pflanze und inszeniert eine Sexszene. Als ihre Schwester die beiden bei diesem Akt ertappt, lässt sie Yong-Hye in die Psychiatrie einweisen. Ein vielleicht sogar gut gemeinter Akt. Niemand versteht ihre inneren Beweggründe, jeder nimmt nur seine Perspektive ein. So hat die Autorin den Roman auch konstruiert: in drei Teilen, in der jeweils aus Sicht des Ehemanns, des Schwagers und der Schwester erzählt wird. Durch diese Außenperspektive und die kühle nüchterne Sprache wird die Not und die radikale Form des Protestes, die Yong-Hye für sich gewählt hat, nachvollziehbar. Sie möchte wenigstens in der Verweigerung, ihr „eigenes Fleisch zu mehren“, über ihren Körper verfügen. Dass ihr selbst das durch die Zwangsernährung im Krankenhaus nicht erlaubt wird, ist das traurige Fazit. Kein Zufall, glaube ich, dass wir auch im Team gerade über dieses Buch viel gesprochen haben. Han Kang schildert hier eine Form der Gewalt gegen Frauen und schreibt damit dagegen an. Das finde ich bewundernswert.

Anita Djafari


Wenn einer eine Mauer baut

Ivan Vladislavić [Südafrika]: Die Terminalbar und andere endgültige Geschichten. Erzählungen aus Südafrika (Erzählungen, aus dem Englischen von Gabriele Cenefels, dipa Verlag 1994; heute vermutlich nur noch antiquarisch zu bekommen)

Während meines Praktikums bei Litprom geriet ich (in doppelter Hinsicht) zum ersten Mal in Berührung mit dem südafrikanischen Autor Ivan Vladislavić: sowohl physisch – ich schüttelte ihm nach einer Lesung die Hand – als auch im übertragenen Sinne mit seinem Werk. Wenige Tage später griff ich im Büro ins Bücherregal und begann mit der Lektüre des Romans Double Negative (Buch 1 im Programm des Anderen Literaturklubs 2017!). Hierauf folgte Exploded View Johannesburg, dann Der Plan des Baumeisters und schließlich eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel Die Terminalbar und andere endgültige Geschichten. Obwohl mich alle Texte auf ihre Weise sehr begeistert haben (Vladislavić ist für mich die wichtigste Entdeckung des Jahres 2016), hat es mir besonders eine Geschichte aus dem zuletzt genannten, großartigen Erzählband angetan. In „Protokoll eines Mauerbaus“ berichtet ein namenloser Ich-Erzähler davon, wie sein Nachbar beginnt, um sein Grundstück herum eine Mauer zu errichten. Mit einer obsessiven Detailtreue schildert er jeden Schritt des Mannes, kritisiert seine Arbeitstechnik, bewundert seine Zielgerichtetheit, fleht darum, Teil des Projekts zu werden und wird rasend vor Wut, als ihm dies verwehrt wird. Vladislavić beweist dabei nicht nur ungeheuerliche erzählerische Präzision, die an Kafkas „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ erinnert, sondern auch – ganz im Stile eines Jorge Luis Borges – die Fähigkeit, eine ganze Welt in einem winzigen Mikrokosmos einzufangen, jeden Satz spürbar zu machen, zu einem essentiellen Teil unserer Leserealität werden zu lassen, die an uns zieht und zerrt und droht, uns nicht mehr loszulassen.

Raffael Weger


Was ich schon immer über Kenia wissen wollte, aber auch jetzt nicht gesagt bekomme

Yvonne Adhiambo Owuor [Kenia]: Der Ort, an dem die Reise endet (aus dem Englischen von Simone Jakob, DuMont Buchverlag 2016)

Aus Brasilien kehrt eine junge Kenianerin in die ihr längst fremd gewordene Heimat zurück, um ihren geliebten Bruder – in den Straßen Nairobis erschossen – gemeinsam mit ihrem Vater in der Nähe ihrer einstigen Farm zu bestatten. Dieser Ort, an dem Reise endet, ist vor allem der Ort, an dem die Reise erst beginnt. Eine ausgedehnte Zeitreise in die Familiengeschichte und in die Geschichte des ostafrikanischen Landes, tief hinab in familiäre und politische Abgründe, in koloniale und postkoloniale Schrecken; im Gepäck so viel Gewalt wie Gefühl. Eine Reise auf den Spuren des getöteten Bruders, dessen Reise gerade in dem Moment endet, als Mwai Kibaki als Präsident vereidigt wird und es in ganz Kenia zu schweren Ausschreitungen kommt.
Die Autorin verlangt mit diesem dicken Erstling viel vom Leser: Unterschiedlichste Erzählstränge gilt es, eigenhändig zu verflechten, ohne die Fäden zu verlieren; Zeitsprünge und schnelle Ortswechsel erfordern ständige Aufmerksamkeit, Unausgesprochenes muss erfasst werden. Kenntnisse der kenianischen Geschichte sind zudem von Vorteil, aber nicht Voraussetzung, Nachschlagen lohnt sich! Wer dranbleibt, gewinnt: Owuors Schreibstil ist einmal wunderbar poetisch und dicht, einmal hart, glasklar, ruppig. Wer genau hinhört, vernimmt lokale Sprachen, wer hinschaut, reist durch flirrende ostafrikanische Landschaften – Dust heißt dieses Meisterwerk im Original, und es knirscht wahrlich zwischen den Zeilen.
Ein “schwerer Brocken” Weltliteratur, so wie ich mir Weltliteratur und Literatur von Weltrang vorstelle. Anspruchsvoller Hochgenuss, mein Buch des Jahres – schlichtweg toll. Umso schöner, dass wir es im Jahresprogramm des Anderen Literaturklubs 2017 haben.

Petra Kassler


Unvollendete Reise

Eduardo Halfon [Guatemala]: Signor Hoffman (aus dem Spanischen von Luis Ruby Carl Hanser Verlag 2016)

Ich fühlte mich manchmal an Daniel Kehlmanns Roman Ruhm erinnert beim Lesen von Halfons Signor Hoffmann, weil ähnlich in vernetzten Episoden erzählt, wenn auch nicht ganz so verstrickt wie bei Kehlmann. Bei Eduardo Halfon sind die Fäden lockerer und vor allem um die ganze Welt gesponnen. Die Sprache ist leicht zugänglich. Die Episoden erzählen u.a. von einer schottischen Bar in Guatemala, von Jazz in New York, von einer ernüchternden Reise nach Süditalien, einer Autopanne an der Grenze von Guatemala und Belize, von der Hochzeit der Schwester in Jerusalem. Mit dem Ich-Erzähler (=Autor?) blicken wir auf vermeintlich nichtige Geschichten der Welt. Dabei geht es in Wirklichkeit um Identitätsfindung und das Aufspüren der jüdischen Wurzeln des Erzählers; um verstreute Lebenswege, Zufälligkeiten, um Glück und Überleben und vor allem um die Wichtigkeit des Erzählens, um dem Vergessen vorzubeugen. Und genauso wie der Erzähler uns wissen lässt, dass jede Reise unvollendet bleibt, so bleiben auch die einzelnen Episoden verstreut und unabgeschlossen, offen und verwundernd, sodass man sich manchmal fragt, ob das wirklich noch ein in sich geschlossener Roman ist, den man da liest. Unwichtig: Lesen und mitreisen!

Joscha Hekele

Ein Sturm zum Jahresende

Zeruya Shalev [Israel]: Liebesleben (aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin Verlag 2013)

Lässt man am Ende des Jahres die Lektüre der letzten zwölf Monate Revue passieren, so sind es nur wenige literarische Werke, mit deren Geschichte man sich noch nach Tagen verflochten fühlt. Eine dieser intensiven Lektüren in diesem Jahr war für mich Zeruya Shalevs Roman Liebesleben. Shalev erzählt darin die Geschichte von Ja’ara, einer jungen Frau, deren Leben sich zwischen den scheinbar sicheren Säulen Ehe – Karriere – Familie entspinnt. Bis sie Ari trifft, einen alten Freund ihres Vaters, der sie mit seinem gleichzeitig anziehenden wie tyrannischen Ich in einen Strudel aus Obsession, Zerrissenheit und Demütigung reißt. Shalevs mäandernde Erzählweise ist dabei wie ein Sturm, der über den Leser hinwegfegt und Ja’aras Versuche abbildet, sich zwischen Vergangenheit und Zukunft in ihrem Leben neu zu verorten. Ein Buch, das nachhallt – bis ins Jahr 2017.

Hanna Kopp


Suche nach dem Selbst

Lyonel Trouillot [Haiti]: Yanvalou für Charlie (Roman, aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz, Liebeskind Verlag 2016)

Lyonel Trouillot breitet ein dichtes Netz aus über die unermessliche Armut Haitis und den Sumpf der Provinz, dem zu entkommen fast unmöglich scheint.
Mathurin hat es dennoch geschafft und ist nun Anwalt in der Hauptstadt Port-au-Prince. Er analysiert seine Mitmenschen und Mitarbeiter in der Kanzlei auf sehr berechnende Weise, für ihn zählt lediglich deren Nutzen zu seinem eigenen Vorteil. Der scharfsinnige junge Mann lässt sich in der großen Stadt nichts vormachen. Doch spielt er sich selbst möglicherweise die größte Lüge vor? Erfolgreich aber einsam tut Mathurin alles dafür, nicht wieder in der Versenkung zu verschwinden. Sogar seine Herkunft verleugnet er, und seine Gefühle versteckt er hinter einer Mauer, denn all dies ist hinderlich in seinem neuen Leben.
Eines Tages holt ihn jedoch seine Vergangenheit ein. Der Waisenjunge Charlie steht plötzlich vor seiner Tür. Führt er den Emporkömmling Mathurin zum Licht oder stiftet er ein Chaos der Identitäten? Bestimmt und doch gefühlvoll bildet Trouillot auf nur knapp 200 Seiten die harte gesellschaftliche Realität Haitis ab.

Cristina Velasco Prieto