Mondestrunken

Young Moon Jung / Korea

Roman, 191 pages, 2012

Der 1965 geborene südkoreanische Autor JUNG YOUNG MOON ist Vertreter einer Autorengeneration, die erstmals Mitte der 1990er Jahre, also bereits nach der mühsam erkämpften Demokratisierung des bis 1988 autoritär regierten Landes, literarisch in Erscheinung trat. Sie tat dies als inhomogene Gruppe, die im Unterschied zu den Generationen vor ihr kein gemeinsames politisches oder gesellschaftliches Ziel verfolgte: Weder knüpften die jungen Autorinnen und Autoren an den existenzialistisch geprägten Humanismus der südkoreanischen Nachkriegs-literatur an, noch an die dissidentische Minjung-Literatur der 1980er Jahre. Jung teilt mit vielen seiner Schriftstellerkollegen das Selbstverständnis des literarischen Einzelgängers, das auch mit einer skeptischen Haltung gegenüber dem Literaturbetrieb und seinen Mechanismen einhergeht.

Wie viele seiner Kollegen nennt Jung als eine Inspirationsquelle populärkulturelle Einflüsse und insbesondere auch Filme. Auch eines der zentralen Motive von „Mondestrunken“, jenes des sich durch die Landschaft bewegenden, sinnierenden Subjekts, ist offenkundig der Filmgeschichte entliehen: Die Schauplätze dreier Kapitel des Romans liegen mehrheitlich auf und an der Straße. In der Art eines literarischen Road Movie sind das ›Unterwegs‹ des Protagonisten, die Autofahrten und Rasten amStraßenrand, die Aufenthalte an Raststationen beschrieben. Nicht von ungefähr findet sich in der Episode „Pierrot Lunaire“ beiläufig in den Dialog eingestreut eine offene Bezugnahme auf Ingmar Bergmans „Wilde Erdbeeren“ – gleichsam ein nordischer Vorläufer der Gattung Road Movie – die mit der thematisch verwandten Episode auf spielerische Art und Weise in Beziehung tritt.

Ein wenig exaltierter erscheint die titelgebende Reverenz an Arnold Schönbergs Vertonung von Albert Girauds Gedichtzyklus „Pierrot Lunaire“, auf den in dergleichnamigen ersten Episode Bezug genommen wird. „Mondestrunken“ ist das erste jener „drei mal sieben“ Gedichte, die Schönberg im Jahre 1912, gut ein Jahrzehnt vor der Erfindung der Zwölftontechnik, als Auftragsarbeit vertonte. Schönberg verstand ›seinen‹ Pierrot als Inbegriff des von seinen schöpferischen Antrieben an die Abgründe des eigenen Wesens getriebenen Künstlers und vermochte sich mit dem Stoff auf Anhieb zu identifizieren. Der mondestrunkene Pierrot von Jungs Romanist als lächerlicher Griesgram, der im nächtlichen Regen mit rutschenden Hosen durch das Niemandsland entlang der Überlandstraße irrt, vom mitleiderregenden Vorbild der literarischen Vorlage jedenfalls nicht wesentlich weiter entfernt.

Verneinung und Tod sind, wie Son Jeong-soo konstatiert, die zentralen Begriffe in Jungs Werk, zu denen der Kritiker jedoch auch den Humor zählt. Jung Young Moon selbst nennt als seinen zentralen Begriff das mu ? der buddhistischen Philosophie, also die Vorstellung einer ›positiven‹ Leere, die zugleich Aufhebung der Leere ist – östliches Pendant zum westlichen Begriff des Nichts und im modernen bzw. zeitgenössischen Diskurs davon oftmals nicht genau unterschieden. Als Schilderung eines eigentümlichen Zwitters aus heiterem Gleichmut und qualvoller Ohnmacht oszilliert auch Jungs Roman zwischen diesen Polen von ›positiver‹ Leere und ›negativem‹ Nichts. Er funktioniert über weite Strecken in der Art eines literarischen Vexierbilds, das erst im letzten Abschnitt endgültig kippt: Irgendwie an einen ins Rot der Abenddämmerung getauchten Meeresstrand gelangt, bettet sich der erschöpfte Ich-Erzähler in einer surreal anmutenden Sterbeszene auf einer flachen Sandmulde zum Sterben.

Auf dem weiten Weg an diesen Meeresstrand begegnet der Protagonist seiner eigentlich trostlosen Lage mit kauzigem Humor, mit einem Hang zum sarkastischen Kommentieren, zur grotesk-detailverbohrten Schilderung von Nichtigkeiten, aber auch zur gelassenen Naturbeobachtung, aus der der dieser Natur Entfremdete zu seiner eigenen Überraschung Trost zu schöpfen vermag. Es sind vielleicht diese unspektakulären stillen Momente, dank derer der Roman – der ernsten Thematik zum Trotz – über weite Strecken von einem eigentümlich heiteren Gleichmut geprägt ist. Was den Wahrnehmungen des Protagonisten zugrunde liegt, ist der ›intuitive‹ Buddhismus der einfachen Leute, der die absichtslose Hingabe an den Augenblick als ideale Seinsform betrachtet, ohne dieses Ideal gleich zum Prinzip zu erheben. Jung Young Moons Roman „Mondestrunken“ lässt sich so als bisweilen grotesk überzeichnete Charakter- oder Milieustudie ebenso lesen wie als Versuch des Auslotens der Grenzen zwischen Sprache und Sprachlosigkeit, sowie stellenweise auch als ein seltener Versuch der Reflexion östlichen Denkens mit den Mitteln experimenteller Prosa.

Philipp Haas (Nachwort)

  • Koreanisch, translated by Philipp Haas und Lee Byong-hun
  • Edition Delta, 978-3927648432
  • 02.2012
Mondestrunken