El ojo de Celan – Das Auge von Celan

Susana Szwarc / Uruguay

Lyrik, 114 Seiten, 2026

Für die uruguayische Schriftstellerin Cristina Peri Rossi kombiniert die Poesie der argentinischen Dichterin Susana Szwarc »die Traditionen, ausgehend vom Archaischen, vom verwirrenden Stammeln Babylons. Und sie kombiniert das Alltägliche mit dem Imaginären, das Wirkliche mit dem Metaphysischen, eine Art Nachhall, wo die Beklemmungen des Daseins brodeln.«

Manche bemerken in ihrem Schreibstil einen cineastischen Zugriff und nehmen das Gedicht bei Susana Szwarc als ein Filmscript oder einen Clip wahr. Dies geschieht durch innere Gespräche, diverse Stimmen, die sich im Text auffalten und allmählich ins Offene tasten. Ein Labyrinth oder Fächer – entlegene Orte, Erinnerungen, Ungewissheiten, Andeutungen, Zweifel, Ereignisse, Assoziationen oder auch Blickreste, die sich verweben, bisweilen verknoten.

Mit Celan verbindet sie nicht allein eine gewisse poetische Affinität, sondern auch die familiäre Wunde des Schicksals der Nachgeborenen bzw. Überlebenden der Schoah. Sein Lyrikbuch »Mohn und Gedächtnis« (1952) erschien bereits ab 1974 unter dem Titel »Amapola y memoria« bei Ediciones Librerías Fausto in Buenos Aires, ins Spanische übersetzt von Rodolfo E. Modern, und findet stets einen profunden Widerhall, wenn sie ihn liest und wiederliest. Ihr Jubiläumsessay »Paul Celan en el secreto del encuentro« (Paul Celan im Geheimnis der Begegnung) zu seinem hundertsten Geburtstag im Jahr 2020 erschien sowohl in der renommierten lateinamerikanischen Kultur- und Poesiezeitschrift »La Otra« (Mexiko-Stadt) als auch in der wöchentlichen Feuilletonbeilage »La Jornada Semanal« der großen mexikanischen Tageszeitung »La Jornada«.

Die polnisch-jüdischen Eltern von Susana Szwarc überlebten den Holocaust und flohen über Sibirien, Paraguay sowie Brasilien, bevor sie in den späten 1940er Jahren in Argentinien ankamen, sich 1949 in Buenos Aires begegneten, verliebten und bald darauf in den Chaco nach Quitilipi zogen, um eine Familie zu gründen.

Die Großeltern väterlicherseits waren von den Nationalsozialisten in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager irgendwo im besetzten Polen ermordet worden, die mütterlicherseits während des 2. Weltkrieges durch die damalige Sowjetunion nach Zentralasien geflüchtet und im usbekischen Buchara an den Folgen der dort grassierenden Epidemien und Krankheiten verstorben.

Die argentinische Autorin Susana Szwarc wurde am 29. Mai 1952 in Quitilipi, Provinz Chaco, geboren, wo sie ihre Kindheit und erste Schulzeit verbrachte, bevor sie sehr früh mit ihrer knapp älteren Schwester zu Verwandten nach Buenos Aires wechselte, dort zur weiterführenden Schule ging und nach ihrer pädagogischen Ausbildung für einige Jahre Lehrerin wurde. Seit 1985 leitet sie vorzüglich literarische Seminare, Schreibwerkstätten und hält Lesungen ab. In der Zwischenzeit schrieb und veröffentlichte Susana Szwarc ihre ersten Gedichte, mehrere Lyrikbände, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke und ihren poetischen Roman »Trenzas« (1991), der unter dem Titel »Zöpfe − Das geraubte Geheimnis«, ins Deutsche übersetzt von Erna Pfeiffer, im Löcker Verlag, Wien 2019, erschien.

Ihr fünfter Lyriktitel »El ojo de Celan« (Das Auge von Celan) erschien 2014 im Verlag Alción Editora in Córdoba, Argentinien, und 2019 im Verlag Editorial Polibea in Madrid, Spanien. 2016 erschien die zweisprachige Fassung »El ojo de Celan − L’occhio di Celan« mit der italienischen Übersetzung von Alessio Brandolini im Verlag Edizioni Fili d’Aquilone in Rom, Italien.

Für die Schriftstellerin und Kulturjournalistin Marta Ortiz aus Rosario ist in diesem Band »Das Auge von Celan« sozusagen »das Auge Zeuge seiner Zeit: einer Vergangenheit, in der Kindheit und Gräuelgeschichten des 20. Jahrhunderts nebeneinander bestehen, und einer Gegenwart, die an den Alltag anknüpft. Augen, die spiegeln, verzerren, schmücken, forschen, reflektieren; manchmal, losgelöst vom Körper, der sie beherbergt, führen sie – in der Art und Weise des surrealen Bildes – ein Eigenleben (bis zu dem Punkt, sich – um nicht zu sehen – in den Seiten eines Buches zu verstecken).«

Darüber notiert die Schriftstellerin und Journalistin Alejandra Varela in der argentinischen Tageszeitung »Página/12«: »In der Poesie von Susana Szwarc gibt es ein Wechselspiel zwischen dem Minimalen und dem Grandiosen – eine Wegstrecke, die das Schauen zu einer Handlung macht, welche die Klangfülle des Gedichts und dessen ständigen Bewegungsdrang vorantreibt.«

Die italienische Dichterin, Kulturanthropologin und Übersetzerin Lucia Cupertino schließt ihre Buchbesprechung der italienischen Ausgabe folgendermaßen ab: »Dicht, sehr dicht ist das Material, das Susana Szwarc zunächst mit dem poetischen Blick erfasst und danach mit den Händen der Sprache verarbeitet, wobei sie dem Wort die Illusion zurückgibt, bis in die tiefsten Tiefen vorzudringen. Susana Szwarc scheint auf ihre Poesie die japanische Technik des Kintsugi anzuwenden, nach der, wenn ein Gegenstand zerbricht, die Risse mit edlen Materialien, sogar mit Gold, repariert und hervorgehoben werden sollen. Sie sammelt die schmerzhaften, aber auch kostbaren Narben der Vergangenheit und der Gegenwart und legt sie durch die Poesie offen. Die Herausforderung und Aufgabe der Lesenden besteht darin, sie zu erkennen, sie zu berühren, sie als eigene zu empfinden.«

Und der argentinische Dichter, Erzähler und Essayist Luis Benítez vermerkt zusammenfassend in seinem Blog »Ala de cuervo« (Krähenflügel): »Letztendlich ist ›Das Auge von Celan‹ eine neue Meisterleistung der talentierten argentinischen Autorin und ein unverzichtbares Werk im Bücherregal aller Begeisterten der zeitgenössischen lateinamerikanischen Lyrik. Absolut empfehlenswert.«

Wir lernten Susana Szwarc inmitten der 1990er Jahren in einem Café in Buenos Aires kennen und freuen uns jetzt, dem deutschsprachigen Lesepublikum das zweisprachige Lyrikbuch »El ojo de Celan − Das Auge von Celan« anzuvertrauen.

  • Spanisch, übersetzt von Juana Burghardt und Tobias Burghardt
  • Edition Delta, 978-3-911645-00-3
  • 07.2026